Die Geschichte von Dieckmann & Hansen

 

Am 10. September 1869 gründete der Küpermeister Johannes Dieckmann aus Flensburg zusammen mit seinem Schwiegersohn Johannes C. F. Hansen die Firma Dieckmann & Hansen als "Fischsalzerei en Gros". Der Firmensitz war nahe der Hamburger Grenze in Altona, in der Kleinen Freiheit Nr. 12. Man befasste sich mit dem Salzen von Fischen aller Art, insbesondere aber von Stören aus der Elbe und ihren Nebenflüssen. Damit einher ging selbstverständlich der Handel mit Kaviar.

Im Jahre 1887 fanden die ersten Fischauktionen in der St.-Pauli-Fischhalle statt und zu gleicher Zeit wurde in Altona eine Halle zum Schlachten von Stören gebaut. Damit begann Altona, die Bedeutung Hamburgs als Fischhandelsplatz langsam zu überrunden.

Dieckmann & Hansen richtete 1891 einen Zweigbetrieb direkt am Altonaer Fischmarkt ein; dort, wo die Fischkutter Ihre Ladung anlandeten: An der Elbe 2. An fast der gleichen Stelle, in der Großen Elbstraße 210, ist auch heute wieder der Sitz der Firma Dieckmann & Hansen. Damals gab man das Salzen von Fischen fast vollständig auf, um sich dem Handel mit Stören und Kaviar zu widmen. Die Entscheidung erwies sich als richtig: Das Geschäft erlebte einen erheblichen Aufschwung. Die wachsende Zahl der lndustriebetriebe am Unterlauf der Elbe ließ jedoch den Störbestand in der Elbe und ihren Nebenflüssen schon bald erheblich sinken. Die Firma Dieckmann & Hansen reagierte sehr schnell auf diesen Rückgang ihrer "Rohware" und errichtete bereits 1895 in Verche Tambovsk am Amur-Fluß in Ost-Sibirien einen eigenen Fischerei- und Aufbereitungsbetrieb für Störe und Lachse sowie deren Rogen.

Paul Reinbrecht, damaliger Geschäftsführer von Dieckmann & Hansen, führte diese Station bis zum Jahre 1902. Hier wurden die beiden charakteristischen Störarten des Amur-Gebietes gefangen, der Kaluga (Huso dauricus Georgi) und der Osetr (Acipenser schrenki Br.). Obwohl jegliche Raubfischerei und Überfischung vermieden wurden, ging der Störreichtum des Amurs rasch zurück, so dass im Jahre 1902 eine eigene Fischereistation unter der Firmierung Dieckmann & Hansen an der Wolgamündung ins Kaspische Meer, in Astrachan, gegründet wurde.

Paul Reinbrecht leitete diese Station von 1902 bis 1914. Ihm und seiner akribischen, schriftlichen Beschreibung der Störe, der Fischereimethoden, der Aufbereitung des Kaviars und der ökologischen und ökonomischen Umwelt der Störe ist es zu verdanken, dass wir heute soviel über diese Fischart wissen. Auf dieser Grundlage und unter Einbeziehung der recht spärlichen Berichte der großen Naturkundler sowie auf Basis seiner eigenen, langjährigen Erfahrungen schrieb der spätere Geschäftsführer Horst Gödecken sein Buch "Der Königliche Kaviar", das zum 1OO jährigen Bestehen von Dieckmann & Hansen im Jahre 1969 erschien. Dieses Buch gilt heute noch als kompetentes Fachbuch zum Thema Kaviar und ist in vielen Universitätsbibliotheken zu finden.

Zurück nach Astrachan im Jahre 1902: Das Kaspische Meer hatte damals einen unermesslichen Bestand an Stören, die vornehmlich in den ruhigen, flachen Gewässern des riesigen Wolga-Deltas laichten. Paul Reinbrecht vermerkte aber, dass auch dort der Störreichtum langsam aber stetig zurückging. Dieckmann & Hansens Fischereistation in Astrachan war so ertragreich, dass die Station Verche Tambovsk in Ost Sibirien nur wenige Jahre nach Gründung des Astrachaner Betriebes aufgegeben wurde.

Gleichzeitig gründeten die Enkel bzw. Söhne der Gründer, die Gebrüder Ferdinand, Johannes und Peter Hansen, Filialen in Berlin, Wien, Paris, London und Stockholm und befassten sich neben dem Vertrieb von Kaviar in Deutschland immer mehr mit dem Export der selbst aufbereiteten Delikatesse. 1911 gründete Ferdinand Hansen die Romanoff Caviar Company in New York und erreichte eine Verschmelzung mit der Russian Caviar Company, die dort seit 1854 bestand.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der russischen Oktoberrevolution musste Dieckmann & Hansen die Fischereistation in Astrachan aufgeben bzw. in die Hände der sowjetischen Fischerei übergeben. Die Beziehungen bleiben aber trotz aller politischen Veränderungen so gut, dass im Jahre 1920 wieder Geschäftsbeziehungen aufgenommen und große Verträge abgeschlossen wurden. Die Sowjetunion verlegte in Zusammenarbeit mit Dieckmann & Hansen große Konsignationsläger nach Hamburg. Trotz der Ausweitung der Fischmärkte Hamburg und Altona am Ende des 19. Jahrhunderts verlegte Dieckmann & Hansen das Stammhaus fort von den Fischmärkten in den Innenstadtbereich von Hamburg, und zwar in die Spaldingstraße 70. Zugleich mietete man im Hamburger Freihafen ein Transitlager, am Kehrwieder 9. 1910 reichten die Betriebsräume nicht mehr aus, und man zog in die Spaldingstraße 152 um, zehn Jahre später wurden auch das Lager und der Abpackbetrieb verlegt, und zwar in den Holländischen Brook Nr.3.
Vor dem Ersten Weltkrieg wurden jährlich etwa 100 tons Kaviar aus dem Astrachaner Gebiet nach Europa exportiert, der größte Anteil davon nach Deutschland. Durch die Ruhepause während des Krieges hatte sich der Fischbestand im Kaspischen Meer so erfreulich erhöht, dass der Exporthandel wieder aufblühte. Über die nach 1918 gehandelten Mengen der Russen sowie der von Dieckmann & Hansen liegen keine Zahlen vor.
Bis 1943 wurde der Handel in Hamburg für den deutschen Markt und mit den ausländischen Filialen fortgesetzt. In diesem Jahr wurden dann aber die Betriebe von Dieckmann & Hansen in der Spaldingstraße und am Holländischen Brook durch Bomben total zerstört und der Kaviarbestand vernicht. Eine weitere Fortsetzung der Geschäftstätigkeit - auch mit den ausländischen Tochtergesellschaften - wurde damit gegenstandslos.
Nach dem Zweiten Weltkrieg normalisierten sich die Verhältnisse nur langsam, aber 1954 konnte die Geschäftstätigkeit der Dieckmann & Hansen KG wieder aufgenommen werden. Eigner war jetzt die Romanoff Caviar Company, die den Kindern von Ferdinand Hansen gehörte und von einem Neffen Ferdinands, Günter F. Hansen-Sturm, geleitet wurde. Die ehemalige Tochterfirma Romanoff wurde in diesen und den folgenden Jahren Amerikas größter Kaviarimporteur (etwa 55 tons pro Jahr).

Geschäftsführer von Dieckmann & Hansen wurde Horst Gödecken, dem man ein Startkapital von US$ 500,- in die Hand gab. Horst Gödeckens verwandtschaftliches Verhältnis zur Hansen-Familie war kaum noch nachvollziehbar; er ist der Schwager eines Neffen von Günter F. Hansen-Sturm.
Dieckmann & Hansen bezog in Kontorgemeinschaft mit Horst Gödeckens väterlicher Firma Frese & Gödecken ihr Domizil im Hamburger Freihafen, Am Sandtorkai 23. Das Kaviarlager wurde bei der Kühltransit AG., Schuppen 69, eingerichtet.

Unter der Leitung von Horst Gödecken ging es recht bald wieder aufwärts mit den Geschäften von Dieckmann & Hansen. Die Erholung der Weltwirtschaft und nicht zuletzt das deutsche "Wirtschaftswunder" bescherten der Firma in den 60er und 70er Jahren einen ständig wachsenden Umsatz und Gewinn. Man handelte allein, ohne Tochtergesellschaften, bereits wieder 20 bis 25 tons pro Jahr. Um das Geschäft besser zu organisieren, wurden 1967 50 Prozent der Anteile der Hamburger Caviar Im- und Export GmbH & Co. KG gekauft, die sich unter anderem mit dem Vertrieb von Stör- und Lachskaviar auf dem deutschen Markt beschäftigte. 1969 verkaufte Familie Hansen die Firmen Romanoff Caviar Company und Dieckmann & Hansen an den U.S. Reiskonzern Riviana Foods Inc. Im gleichen Jahr wurden die restlichen Anteile der Caviar Im- und Export GmbH & Co. KG von Dieckmann & Hansen übernommen. 1980 bezogen beide Firmen einen eigenen Büro- und Lagerneubau am Rande Hamburgs, in Barsbüttel, Ohlweg 5. Bereits 1976 hatte Riviana ihre Anteile an den Großkonzern Colgate-Palmolive verkauft, welcher kurz darauf die Romanoff Caviar Company an einen anderen US-Konzern verkaufte, so dass die Verbindung von Dieckmann & Hansen zu der Familie der Gründer damit abbrach. Nach der Pensionierung Günter F. Hansen-Sturms und dem Fortgang seinen Sohnes Arnold verlor die Romanoff Caviar Company ihre frühere Bedeutung auf dem Kaviar-Weltmarkt. Arnold Hansen-Sturm gründete bei New York eine eigene Firma, die "Hansen Caviar Company“ mit der bis 1999 lebhafte Geschäftsbeziehungen bestanden. Nach der Pensionierung von Horst Gödecken übernahm 1981 seine langjährige Assistentin Susanne Taylor die Geschäftsleitung der Firmen Dieckmann & Hansen und Caviar lm- und Export. Susanne Taylor war zu diesem Zeitpunkt schon fast 20 Jahre im Unternehmen tätig. Zu Beginn der 80er Jahre hatte Dieckmann & Hansen bereits mit den Auswirkungen der iranischen Revolution zu kämpfen. Die Firma importierte ja nicht nur große Mengen aus der UdSSR, sondern war auch einer der vier europäischen Generalimporteure für iranischen Kaviar. Eine Besonderheit, denn alle anderen Direktimporteure hatten Verträge nur entweder mit der Sowjetunion oder dem Iran, nie aber mit beiden gleichzeitig. Nach der Revolution in Persien 1979/80 veränderten sich die Zustände drastisch, denn der sogenannte Bazarhandel, d.h. das illegale Fischen und Aufbereiten von persischem Kaviar, erlebte eine nie da gewesene Blüte. Die staatliche iranische Fischereigesellschaft brauchte zehn Jahre, bevor sie diese Situation bereinigen konnte. Dieckmann & Hansen importierte weiter direkt aus der Sowjetunion und dem Iran und vergrößerte im Verlauf der 80er und der beginnenden 90er Jahre den Umsatz erheblich.

Als die Eigentümer Riviana 1984 ihren Konzern wieder aus dem Colgate-Konzern herauslösen wollten, ergab sich die Möglichkeit für Dieckmann & Hansen, sich nach passenderen Gesellschaftern umzusehen. Diese wurden in der "Nordsee" Deutsche Hochseefischerei GmbH, einem Tochterunternehmen der Unilever B. V., gefunden. Dieckmann & Hansen verblieb unter Susanne Taylors Leitung, während die Caviar Im- und Export GmbH auf den Namen ihrer Eigenmarke "Aquila" umfirmierte und einem anderen Konzernunternehmen angegliedert wurde. 1991 wurde Aquila von der "Nordsee" liquidiert. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die darauf folgenden Umstellungen im Kaviarhandel machten eine flexible und investitionsbereite Politik erforderlich, um das Fortbestehen von Dieckmann & Hansen zu gewährleisten. Eine solche, nur auf Dieckmann & Hansen ausgerichtete Politik, konnte von Unilever nicht erwartet werden, sodass Susanne Taylor wiederum nach neuen Gesellschaftern suchte, diesmal mit dem Wunsch, auch selbst einen Anteil an dem Unternehmen zu erwerben.. Die Suche war erfolgreich: Ab dem 1. Januar 1993 gehörte Dieckmann & Hansen, inzwischen zur GmbH geworden, Susanne Taylor und mehrheitlich der Mabre-Gruppe aus Weilerswist bei Köln, deren Gründer und Gesellschafter die Herren Artur und Johann Martens sind. Dieckmann & Hansen arbeitete mit einem Stamm von 15 Mitarbeitern, die fast alle langjährige Erfahrungen im Handel und der Verpackung von Kaviar hatten. Unter der Geschäftsführung von Susanne Taylor zeugte die ständig wachsende Zahl zufriedener Kunden für erstklassiges Management und hervorragenden Teamgeist. 1994 feierte die Firma Dieckmann & Hansen ihr 125 jähriges Bestehen.

Sehr bald nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann man bei Dieckmann & Hansen, sich Sorgen um die Zukunft des Störs zu machen, denn der russische Staat gab die Kontrolle des Fischfangs an private Unternehmer ab, bzw. die ehemals staatlichen Fischfang- und Verarbeitungsbetriebe wurden privatisiert. Genauso erging es den Betrieben in den anderen, ehemals sowjetischen Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres, u.a. Kasachstan. Das „Goldgräbertum“ begann, mit Schwarzhandel, Schmuggel und den üblichen Begleiterscheinungen. Dieckmann & Hansen war die erste Kaviarimportfirma, die sich nachdrücklich für den Schutz der Störe aussprach und eine enge Zusammenarbeit mit dem WWF (World Wide Fund For Nature) suchte. Ab 1998 gerieten die Störe dann unter den Schutz des Washingtoner Artenschutzabkommens. Der Handel mit Stören und ihrem Kaviar wird seitdem nach CITES (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora) stark kontrolliert , was allerdings die illegalen Fänge und den Schmuggel nicht mehr aufhalten konnte. Das Geschäft wurde immer schwieriger!

Trotzdem gelang es Dieckmann & Hansen, ihre Marktposition zu erhalten, wenn auch die gehandelte Tonnage zurückging. Der Qualitätskontrolle wurde bei Dieckmann & Hansen eine immer größer werdende Bedeutung zugemessen. Die ehemals staatliche Fischerei in Atyrau (früher: Guriev) in Kasachstan produzierte eine nach wie vor einwandfreie Ware und verkaufte ihren Jahresfang jeweils im Frühjahr. In 1999 gelang es Dieckmann & Hansen, einen Liefervertrag für etwa 10 tons abzuschließen, was zusammen mit den Lagerbeständen der Firma das Geschäft bis weit in das Jahr 2000 hinein gesichert hätte.

Inzwischen hatte allerdings die EU-Kommission die kasachische Kaviarproduktion von der Liste der zugelassenen Betriebe gestrichen; dies allerdings ohne dass die Fischerei selbst oder die Importeure aller Länder davon Kenntnis hatten. Eine Besichtigung der Kaviarproduktion in Atyrau oder eine Qualitätskontrolle des dort produzierten Kaviars hatte auch nicht stattgefunden. So wurde Dieckmann & Hansen von einem Tag auf den anderen die Lebensgrundlage entzogen, denn legaler Kaviar war inzwischen so knapp geworden, dass der Lieferausfall aus Kasachstan auf dem Markt nicht mehr ausgeglichen werden konnte. Dieckmann & Hansen zog als Klägerin vor den Europäischen Gerichtshof, um sich gegen den Akt der Willkür der EU-Kommission zu wehren. Nach der ersten und einzigen Berufungsmöglichkeit ging dieser Prozess in 2002 unter Hinweis auf den weiten Ermessensspielraum der Kommission allerdings endgültig verloren. Dieckmann & Hansen hatte zum Jahreswechsel in das neue Millennium die Geschäftstätigkeit eingestellt und alle Mitarbeiter entlassen müssen. Susanne Taylor wickelte die letzten Kaviarbestände bis März 2000 ab und begab sich nach 38 Jahren Kaviarhandel in den Zwangsruhestand.
Eine Anmerkung sei erlaubt: der in 1999 kontrahierte Kaviar ging problemlos in die U.S.A. .

Die ehemaligen Mitarbeiter im Management der Firma, Werner Sager und Christian Zuther-Grauerholz, erhielten eine Option auf den Erwerb der altehrwürdigen Firma Dieckmann & Hansen, sobald der Rechtsstreit gegen die EU-Kommission geklärt sei. Bis es soweit war, wurde der Kaviarhandel von Herrn Sager und Herrn Zuther-Grauerholz in der von ihnen neu gegründeten Firma Kaviar Kontor Hamburg oHG unter den neuen Bedingungen fortgesetzt. Im Jahr 2003 wurde dann die Kaufoption für die Firma Dieckmann & Hansen wahrgenommen, sodass heute, 135 Jahre nach Gründung, der Betrieb von Dieckmann & Hansen unter der Leitung der Genannten an gleicher Adresse wieder aufgenommen wurde. Beide Gesellschafter haben reichlich Erfahrung mit der Ware Kaviar, sowohl im Ein- und Verkauf, wie auch mit der Warenqualität an sich. Obwohl die zu handelnden Mengen wegen der starken Verringerung der Fänge sehr zurückgegangen sind, ist man in der neuen Leitung der Firma zuversichtlich, den Betrieb nicht nur aufrecht erhalten, sondern die große Tradition des bei weitem ältesten Kaviarhandelshauses der Welt auch in der Zukunft fortführen zu können.